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Blicke auf den östlichen bzw. westlichen Nachbarn - ein Erfahrungsaustausch über die deutsch-russischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg


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Deutsch - russische Geschichte im Rückblick
"Zeitreise durch deutsch-russische Stereotypen und Vorurteile" - zu diesem Thema hatte der Verein IRWA am 16. Februar 2009 in die Evangelische Kirche in Köln -Chorweiler zu einer Veranstaltung geladen. Im gut besuchten Saal ging es darum, sich noch einmal an die Klischees und Vorurteile zu erinnern, die in den mehr als 6 Jahrzehnten seit dem 2. Weltkrieg im deutsch-russischen Verhältnis in den Köpfen vieler Menschen existierten.

Eine Zeitreise sollte es sein durch die Epochen des Kalten Krieges, der Entspannungspolitik in den 70er Jahren, das Jahrzehnt der Reformen unter Gorbatschow und der 2O Jahre, die seit dem Fall der Berliner Mauer vergangen sind. Diese wechselnden politischen Konstellationen sollten aber nicht im Fokus stehen. Vielmehr wollten die beiden Referenten Wladimir Worobeichik aus Wolgograd und Karl Hennig aus Köln anhand ihrer Lebensgeschichte das Thema im Dialog beleuchten. Beide gehören der Nachkriegsgeneration an, beide sind Historiker und haben als Lehrer gearbeitet. Und schließlich verbindet beide ein starkes Interesse an der Geschichte und Kultur des jeweils anderen Landes. Der Referent aus Wolgograd lebt seit einigen Jahren in Köln. Im Spiegel persönlicher Erinnerungen und individueller Erfahrungen sollte die Geschichte der deutsch-russischen Nachkriegsbeziehungen nachgezeichnet werden. Dabei ergaben sich erstaunliche Parallelen: so massiv und wirkungsvoll, wie in der 5Oer und 60er Jahren die antikommunistische Propaganda in der Bundesrepublik die Sowjetunion zum Feind Bild stilisierte, so massiv und wirkungsvoll verteufelte damals die sowjetische Propaganda den westdeutschen Staat als „Hort des Revanchismus und Imperialismus". Dass es sich dabei um fürchterliche Zerrbilder auf beiden Seiten handelte, wissen wir heute. Und daran knüpft sich die entscheidende Frage, die Wladimir Worobeichik stellte: Wie kann es dem Einzelnen gelingen, solche Zerrbilder und Vorurteile zu durchschauen und abzuwehren ?

Seine Antwort ist diese: die Chance besteht immer dann, wenn anstelle nationaler Stereotypen sich ein persönlicher Kontakt ergibt. Dann verwandelt sich das Klischeebild, das stets nur auf ein anonymes Kollektiv abzielt, in einen Menschen aus Fleisch und Blut. Und im günstigen Fall stellt man fest, dass man mit ihm mehr Gemeinsames als Trennendes hat. Eben diese Erfahrungen machten die beide Vortragenden bei ihren Besuchen in Köln bzw. in Moskau.

Aus Zeitgründen gelangte die geplante Zeitreise nicht bis in die Gegenwart. Dennoch stand am Ende des Abends eine bemerkenswerte Erfahrung. In bewegten Worten erzählte Karl Hennig vom ersten Besuch, den er im August 1991 mit seinem alten Vater in dessen ostpreußische Heimat (im Königsberger/Kaliningrader Gebiet) machen konnte. Die Tagesreise in das Heimatdorf und der Empfang bei der jungen Bürgermeisterin - im Geiste der Verständigung und Freundschaft - waren der nachhaltige emotionale Höhepunkt dieser einwöchigen Reise in eine Vergangenheit, aus der eine bessere, eine friedliche Zukunft entstehen möge.

Im Anschluss an das Referat hatten die Zuhörer die Gelegenheit, über ihre Erfahrungen und Gedanken zur russischen bzw. deutschen Kultur und Geschichte zu sprechen.

Natalja Gerhard